Sind Tarifverträge noch zeitgemäß?

Wir befinden uns in der größten Weltwirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg, Unternehmen, Banken und Arbeitnehmer sind mehr denn je auf Hilfen und Eingriffe des Staates angewiesen. Da kann die Frage aufkommen, ob ein Tarifvertrag den notwendigen Anpassungen gerecht werden kann oder ob er gar die nötige Säule der Stabilität der Gesellschaft darstellt.
Durch Auftragseinbrüche in fast allen Branchen kam es zu Kurzarbeit und damit griff das wirksame Werkzeug für Beschäftigungssicherung der Bundesagentur für Arbeit – so dass derzeit nur geringe Auswirkungen der Krise auf dem Arbeitsmarkt erkennbar sind. Problematisch hierbei ist jedoch, dass in der Statistik die Menschen, die sich in Fortbildungsprogrammen etc. Befinden, nicht auftauchen. Dadurch sind die Zahlen nicht vollständig dafür geeignet die Situation des Arbeitsmarktes widerzuspiegeln. Doch weshalb sollte die Krise Auswirkungen auf die Tarifverträge bzw. die Tarifvertragspartner haben? Schon vor der Krise zeigte sich, dass Arbeitgeber vermehrt aus den Arbeitgeberverbänden austreten und den Flächentarifverträgen ausweichen. Die Belegschaft ist natürlich am Erhalt ihrer Arbeitsplätze interessiert und nimmt zunächst auch Lohnkürzungen oder Arbeitszeitverlängerungen in kauf. Dort wo Tarifverträge abgeschlossen werden, kann ebenfalls zunehmend beobachtet werden, dass die Tarifverträge nur noch zu Rahmenabkommen werden. Die entscheidenden Detailfragen sind Gegenstände von Betriebsvereinbarungen. Die Ausprägungen sind Branchen- und Betriebsabhängig. Die Tarifverträge gelten als starr und inflexibel. Man sei nicht in der Lage sich aktuellen konjunkturellen Entwicklungen kurzfristig anzupassen, wodurch gegenüber anderen europäischen Standorten ein Nachteil entstünde. Dieser Kritikpunkt bezieht sich auf die teilweise komplizierten Verhandlungen zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern. Ein Tarifvertrag kann also nicht „einfach so“ abgeändert werden. Der Prozess zur Anpassung muss von beiden Seiten vorangetrieben werden. Auf Grund der relativ hohen Transaktionskosten bei der Aushandlung, kann so verhindert werden, dass Tarifverträge an kleine Veränderungen angepasst werden. Hier greifen dann eher die Betriebsvereinbarungen. Sobald allerdings die Tarifverträge für beide Parteien zur Gefahr werden, beispielsweise eine drohende Insolvenz etc., bieten sich Neuverhandlungen an. Dass es auch in Krisenzeiten funktionierende und für beide Parteien nützliche Tarifverträge geben kann, zeigen zwei Beispiele aus der Metall- und Elektroindustrie. Beide Verträge wurden im Dezember 2009 abgeschlossen.
Zum einen haben sich die Arbeitgeber der Metall- und Elektro-Industrie aus Hessen, Pfalz, Rheinland-Rheinhessen und dem Saarland mit der IG-Metall auf einen Tarifvertrag verständigt, der den Arbeitnehmern zum einen Beschäftigungssicherheit garantiert und zum anderen Arbeitgebern erlaubt die Wochenarbeitszeit auf 30 Stunden zu senken.1 Im Ruhrgebiet wurde ein Krisen-Tarifvertrag zwischen den Arbeitgeberverbände der Städte Bochum, Dortmund, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen sowie der IG Metall geschlossen, der es erlaubt, dass Unternehmen Fachkräfte untereinander austauschen dürfen. Man hofft mit dem Vertrag die negativen Folgen der Krise abmildern zu können. (Quelle:)
Diese beiden Beispiele zeigen, dass Tarifverträge in Krisenzeiten durchaus möglich und sinnvoll sein können. Ob sie wirklich effektiv greifen wird sich allerdings erst noch herausstellen. Derzeit profitieren jedoch Arbeitgeber und Arbeitnehmer davon. Beide erhalten mehr Sicherheit als zuvor. Dennoch sollte ein Krisen-Tarifvertrag nur für Krisenzeiten gelten. Eine dauerhafte Flexibilisierung der Arbeit führt zu erhöhten Belastungen der Arbeitnehmer, wodurch dann die Bereitschaft in künftigen Krisenzeiten Einschnitte hinzunehmen deutlich niedriger sein dürfte. Verlieren würden dann beide Parteien. (Quelle: )
Daher wird es auch in Zukunft Tarifverträge geben, allerdings mit Ausnahmen. In Branchen mit nahezu ausschließlich hochqualifizierten Angestellten werden Einzelverträge abgeschlossen. Die Arbeitsbereiche und -tätigkeiten dürften sich auch in kaum einem Tarifvertrag festhalten lassen. Dagegen bietet sich in weniger spezialisierten Arbeitsbereichen der Tarifvertrag weiterhin als Rahmenabkommen an. Durch ihre Einsatzmöglichkeiten im ganzen Verbandsgebiet können die Transaktionskosten für die Aushandlungen mit der Belegschaft niedrig bleiben und dadurch die Produktivität des Betriebes hoch gehalten werden.

One Response to “Sind Tarifverträge noch zeitgemäß?”

  1. Moe said:

    Jun 12, 10 at 02:12

    Bin hier voll deiner Meinung.
    Wenn man die Tarifverträge kritisiert, muss man auch ein besseres Gegenmodell parat haben – und das gibt es nicht.


Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.