Kritik an Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit

Frankreichs Wirtschaftsministerin Lagarde hat mit ihrer Kritik am zu starken Deutschland eine Diskussion ausgelöst, die letztendlich eine Diskussion über den wirtschaftlichen Zusammenhalt in der Europäischen Union ist. Doch um dies zu verstehen, eine kurze Übersicht worum es in der Kritik eigentlich geht.
Deutschland galt noch vor 10 Jahren als Bremse in Europa, die Lohnstückkosten waren hoch, das Wirtschaftswachstum gering. Doch dann traten die ehrgeizigen Umbaumaßnahmen von Kanzler Schröder, die er im Rahmen der Agenda 2010 eingefädelt hatte, unter ihnen auch die Hartz 4 Gesetze, in Kraft. Im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern stiegen die Löhne nur sehr gering. So gering, dass nicht einmal die Inflation ausgeglichen werden konnte – de facto ein Rückgang des durchschnittlichen Reallohns. Dies stützte den Wirtschaftsstandort Deutschland und schadete gleichzeitig den europäischen Nachbarländern. Denn der größte Teil der deutschen Exporte gehen in die EU – es gibt also einen innereuropäischen Standortwettbewerb.
Deutsche Politiker haben heute die Forderungen der Kritiker zurückgewiesen. Statt neidisch den deutschen Erfolg zu kritisieren, solle man lieber eigene Reformen beschließen, um so den europäischen Wettbewerbsgedanken zu fördern.
Aber wäre das überhaupt im Sinne deutscher Politiker? Würde sich Europa auf diesen Wettbewerb einlassen müssten auch in anderen Ländern die Löhne sinken, was zur Folge hätte, dass Deutschland seinen Vorteil verlieren würde. Es würde eine Lohnschraube entstehen, die sich fortwährend nach unten dreht. Ein ruinöser Wettbewerb und sicherlich nicht im Sinne der Europäer.
Also den Forderungen der Französin nachgeben und die Exportwirtschaft schwächen? Nein, das kann sie nicht gemeint haben. Eine gebremste deutsche Wirtschaft wäre auch zum Nachteil Europas. Sie wird eher davor gewarnt haben wollen, dass Deutschland seinen Binnenmarkt nicht vernachlässigen darf. Sinkende Löhne bedeuten gleichzeitig einen Rückgang der Kaufkraft. Der Binnenmarkt scheint für die deutsche Industrie immer unwichtiger zu werden, ansonsten würde sie nicht so vehement gegen Lohnanstiege kämpfen – die ja letztendlich der Binnennachfrage zugute kommen würden.
Das Modell Europa kann nur funktionieren, wenn letztlich alle an einem Strang ziehen. Konkurrenz ist gesund und belebt das Geschäft – aber nur solange sie nicht ruinöse Ausmaße annimmt. Das sollte verhindert werden. Im Interesse aller europäischen Bürger.

3 Responses to “Kritik an Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit”

  1. Moe said:

    Apr 19, 10 at 23:00

    Gute Analyse. Bis zu diesem Punkt: “Würde sich Europa auf diesen Wettbewerb einlassen müssten auch in anderen Ländern die Löhne sinken”

    Lohnstückkosten lassen sich ja nicht nur durch Lohnsenkungen erreichen. Produktivitätssteigerung ist hier m.E.n. das Zauberwort! Investition in Infrastruktur, Förderung neuer Technologien, Bürokratieabbau. Die Unternehmen können an ihren Betriebsabläufen feilen, Synergieeffekte nutzen etc. pp.

    Gruß
    Moe

  2. Hyde said:

    Apr 20, 10 at 12:01

    Natürlich hast du recht, dass Lohnstückkosten nicht nur durch die Lohnhöhe bestimmt werden, allerdings wäre es die einfachste Alternative, da Produktiviätssteigerungen meist mit Investitionen verbunden sind. Entweder müssen Abläufe umorganisiert werden, neue Technologien verwendet werden und so weiter. Allerdings glaube ich auch, dass in hochentwickelten Ländern wie in der EU das Potential dafür deutlich geringer ist. Das heißt (und das leite ich auch an den veränderten Verhältnissen in der EU ab) das die größten Effekte eben doch über die Lohnhöhe bestimmt werden. Dass die von dir gewünschte Variante die vorteilhaftere wäre, will ich an dieser Stelle natürlich nicht abstreiten.

  3. Moe said:

    Apr 20, 10 at 12:11

    Gebe dir Recht. mit z.B. 1 Mrd € Investition erreicht man in der EU prozentual gesehen lang nicht so viel Produktivitätszuwachs als in weniger entwickelten Ländern.
    Oftmals haben Firmen aber nicht die Möglichkeit in Schwellenländer/Entwicklungsländer abzuwandern, da sie dort nicht so gut ausgebildete Kräfte, keine so gute Infrastruktur etc. vorfinden.

    Es bleibt also bei der Konkurrenz zwischen hoch entwickelten Ländern, zB innerhalb der EU…


Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.